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Psychotherapeutische Praxis
Dr. Phil. Philippe Stöckli
Gestalttherapie
Wahre Veränderung geschieht
über verkörperte Erfahrung
Was ist Gestalttherapie?
Gestalttherapie ist ein wissenschaftlich
fundiertes Psychotherapieverfahren und gehört
zu den humanistischen Methoden. Begründet
wurde die Gestalttherapie in den 1950er Jahren
von Fritz Perls, Laura Perls und Paul Goodman.
Die Gestalttherapie hat sich aus der
Psychoanalyse entwickelt, hat daneben aber
Aspekte und Haltungen der Gestaltpsychologie,
der Feldtheorie, der Phänomenologie und der
Existentialphilosophie integriert. Gestalttherapie
ist nicht zu verwechseln mit Gestaltungstherapie.
Gestalttherapie ist ein erlebens- und
erfahrungsorientiertes psychotherapeutisches
Verfahren, das sowohl in der Arbeit mit
Einzelnen, ebenso wie mit Paaren und in
Gruppen, wie auch mit Kindern und Jugendlichen
und Familien Anwendung findet. Im Folgenden
sind einige Grundannahmen der Gestalttherapie
beschrieben.
Humanistische Grundhaltung
Die Gestalttherapiegeht von einem
humanistischen und somit positiven,
ressourcenorientierten Menschbild aus. Jeder
Mensch besitzt die Fähigkeit zu kreativem
Wachstum und konstruktiver Veränderung. In
der Therapie geht es darum, die Vitalität und
Kreativität des Patienten, seine Ressourcen und
seine Fähigkeit zur Gestaltung, Strukturierung
und Abgrenzung aus dysregulierten Zuständen
zu befreien und seine Selbstregulations-
fähigkeiten zu fördern.
Symptome als kreative Lösungsversuche
Symptome werden als verinnerlichte, kreative
Anpassungsleistungen aus früherer Zeit
verstanden, die es aus der aktuellen Perspektive
zu betrachten gilt. Psychische Störungen können
in diesem Sinne als ein misslungene Versuche
schöpferischer Anpassung betrachtet werden.
Integration
Jede Person hat Facetten seines Selbst, die sie
mehr mag und andere, die sie lieber nicht sehen
würde. Diese ausgeblendeten Anteile behindern
jedoch den lebendigen, intelligenten und
realistischen Austausch mit der aktuellen
Umwelt. Um diesen verlorenen Reichtum
wiederzuerlangen und als Person ausgeglichen
zu werden, und flexibel und angemessen auf die
Anforderungen des täglichen Lebens reagieren
zu können, ist es hilfreich, unbewussten,
verdrängten Aspekten der Persönlichkeit Raum
und Gehör zu geben. So können sie ins
Bewusstsein zurückgerufen werden und in die
Ganzheit der Persönlichkeit integriert werden.
Eine erfolgreiche Psychotherapie zielt auf
Integration ab, auf Identifikation mit allen vitalen
Funktionen, also nicht nur mit den positiven
Aspekten der Persönlichkeit, sondern auch mit
den schmerzhaften, schambehafteten und
verletzlichen Anteilen. Nur so können wir wieder
ganz und verbunden mit uns selbst sein.
Erfahren anstatt Interpretieren
Lernen geschieht primär durch eigene Erfahrung.
Die Gestalttherapie stellt Erfahrung und Erleben
vor die Interpretation und das kognitive Erfassen
einer Situation. Aus diesem Grund wird sie auch
als erfahrungsorientiertes Psychotherapie-
verfahren bezeichnet. Die Beziehung zwischen
Therapeut und KlientIn bietet einen sicheren Ort,
um die aktuelle Lebenssituation wahrzunehmen,
zu erleben, zu erforschen und die damit
verbundenen Gefühle auszudrücken und damit
auch unvollendete Gestalten zu schliessen.
Ganzheitlichkeit
Gestalttherapie geht von einer Einheit von Leib
und Seele, Körper und Körpersprache aus. So
wird nicht nur dem Gesagten Bedeutung
geschenkt, sondern auch der Mimik, Gestik,
Haltung, Sprache, Stimme und nicht zuletzt dem
ganzen Körper. Ziel ist es, zu einer höheren
Bewusstheit seiner Selbst zu kommen.
Achtsamkeit / Awareness
Zur Grundhaltung der Gestalttherapie gehört ein
waches Interesse für das Leben und sich selbst.
Die Welt und speziell unser eigener Körper ist
voller Hinweise und Informationen, die uns bei
unseren Entscheidungen im Leben helfen
können. Wer sich gut kennt und die inneren und
äusseren Veränderungen registriert, gibt damit
nicht nur seinem Leben mehr Tiefe und
Lebendigkeit, sondern kann auch in schwierigen
Situationen angemessener reagieren.
Glücklicherweise lassen sich Wahrnehmung,
Aufmerksamkeit und Körpergefühl trainieren!
Paradox der Veränderung
Das durch den Gestalttherapeuten Arnold
Beisser bekanntgewordene Zitat wurde zu einer
der Leitplanken in der Gestalttherapie:
"Veränderung geschieht, wenn jemand wird, was
er ist, nicht wenn er versucht, etwas zu werden,
das er nicht ist." In anderen Worten geschieht
Veränderung dann, wenn sich der jemand nicht
mehr zwanghaft versucht, sich zu ändern,
sondern es schafft, sich so anzunehmen, wie er
wirklich ist. Genau da setzt dann die heilende
Veränderung ein und dieser Mensch wird frei.
Phänomenologie
Hypothesenfreies Beobachten und Beschreiben
von Phänomenen: Das Beobachtbare und
Offensichtliche wird in der Gestalttherapie dem
Verborgenen, Vergangenen vorgezogen. Dies auf
dem Hintergrund, dass jeder Mensch durch
vergangene Erfahrungen geprägt und geformt
ist. Die Gestalttherapie interessiert sich jedoch
mehr dafür, wie eine Person damit im Hier und
Jetzt umgeht.
Gestalt
Eine Gestalt bildet sich immer vor einem
Hintergrund, tritt hervor ins Bewusstsein,
schliesst sich oder bleibt offen und drängt auf
Schliessung. Eine offene Gestalt kann
beispielsweise ein ungelöster Konflikt sein, oder
ein unerfüllter Wunsch. Durch
Achtsamkeitstraining können Gestalten in den
Vordergrund treten und so das Gesamtbild
verändern.
Kontakt
Kontakt ist ein zentraler Begriff in der
Gestalttherapie und meint den Austausch
zwischen einer Person und ihrer Umwelt. Wir
stehen ständig im Kontakt zu irgendjemandem
oder irgendetwas. Erfolgreicher Kontakt fördert
Wachstum.
Was bedeutet Gesundheit?
Ein gesunder Mensch steht in gutem inneren und
äusseren Kontakt und hat gleichzeitig die
Fähigkeit, sich situations- und
entwicklungsadäquat innerlich und äusserlich
abzugrenzen. Eine weitere Eigenschaft eines
gesunden Menschen ist die Fähigkeit, seine
eigenen Bedürfnisse zu befriedigen ohne
Schaden für sich oder Umwelt. Voraussetzungen
dafür sind einerseits die Wahrnehmung dieser
Bedürfnisse und andererseits die Umsetzung.
Quellenhinweis
Einige dieser Gedanken sind dem
Einführungskapitel von "Awareness, Dialogue,
and Process" entnommen, veröffentlich von The
Gestalt Journal Press. Copyright 1993 Gary
Yontef. http://www.gestalt.org/yontef.htm
Literaturempfehlungen zu Gestalttherapie:
•
Staemmler, Frank-M. (2009). Was ist
eigentlich Gestalttherapie? Eine Einführung
für Neugierige. Bergisch Gladbach: Verlag
Andreas Kohlhage. Buch bestellen
•
Perls, Fritz (1976/1999): Grundlagen der
Gestalttherapie. Einführung und
Sitzungsprotokolle. Stuttgart: Pfeiffer/Klett-
Cotta Buch bestellen
•
Polster, Erving und Miriam (1973, 2001).
Gestalttherapie - Theorie und Praxis der
integrativen Gestalttherapie. Köln: Peter
Hammer Verlag. Buch bestellen
•
Online Lexikon der Gestalttherapie